Overhagener Forum 2014

45 Minuten spricht der islamische Hochschullehrer in der Pausenhalle des Gymnasiums. Dabei sagt Mouhanad Khorchide nicht einen Satz, der dem Grunde nach nicht auch von einem christlichen Theologen hätte stammen können. Anstelle einer „Ansammlung göttlicher Restriktionen" konzipiert er Religion als „dialogisches Modell", in dem Gott die Menschen nicht bevormunden wolle, sondern sie sich aus freien Stücken für ihn entscheiden sollten.

Referent Prof. Khorchide„Islam ist Barmherzigkeit", sagt Khorchide. Damit sei eine „bedingungslose liebe" gemeint. „Wenn Freiheit meine Liebe erwidert, dann ist die Qualität dieser Liebe eine andere." Die Forderung nach Nächstenliebe stehe bis in die Erzählungen des Propheten Mohammed hinein der christlichen Tradition nahe. Es liege an den Menschen, daraus eine „erfahrbare Wirklichkeit" zu machen.

Einer der ersten Einwände nimmt dann auch auf die erfahrbare islamische Glaubenspraxis Bezug. Wie seine Ausführungen mit der Stellung der Frau zusammenpassten oder der Forderung, Ungläubige zu töten, will eine ältere Dame wissen. „Wenn wir sie wörtlich nehmen würden, hätten wir in der Tat ein Problem", sagt Khorchide - und verbindet damit erneut eine Forderung, die auch der christlichen Bibelauslegung nicht fremd ist: die Überlieferung im historischen Zusammenhang zu deuten.

„Wir sprechen über ein Buch, das im 7. Jahrhundert verkündet wurde." Es sei das Problem von Islamisten und Evangelikalen, den Fundamentalisten auf beiden Seiten, dass sie die Schriften als direkte Handlungsanleitungen sähen.

Dabei sei es normaler Bestandteil der Glaubensgeschichte, dass sich das Verständnis für die Lehrsätze stets „aktualisieren" müsse.

„Islamkritiker haben dasselbe Problem wie unsere Extremisten", sagt Khorchide. Es gehe nicht um das Töten von Andersgläubigen, sondern eine Reaktion auf erlittenes Leid. „Umbringen aus religiösen Gründen? Was hat das für einen Sinn?" Der Bedrohte würde nur vordergründig den Glauben annehmen, um sich zu schützen, aber ihn nicht verinnerlichen.

Wie viele Muslime in Deutschland seine Auslegung des Islams teilten, will eine andere Frau wissen. Khorchide windet sich. „ich weiß es nicht", gesteht er schließlich ein - und verweist auf 400 Studierende am Zentrum für Islamische Theologie der Uni Münster. Die Hälfte von ihnen seien angehende Lehrer, die andere Hälfte angehende Theologen, von denen ein Teil Imam werden wolle, alles also Multiplikatoren. Darauf stützt Khorchide seinen Optimismus.

Wer diesen reflektierten Zugang habe, erfahre seine Theologie als „genuin islamisch". Das Problem sei bislang jedoch ein „.oberflächlicher" Religionsunterricht in den Moscheen, der nicht in ausreichendem Maße die islamische Tradition vermittle. Wenn seine Zuhörer aber diese Tradition nicht kennen würden, wirke Khorchides Standpunkt fremd auf sie und schüre bei ihnen Verlustängste - woraus dann der Vorwurf der Verwestlichung resultiere.

Die islamische Welt sei zwar die letzten geistesgeschichtlichen Schritte noch nicht mitgegangen und den Europäern „auf philosophischer Ebene unterlegen". räumt der Professor ein. ..Aber womit wir Europa bereichern können, ist in der Tat die Spiritualität." Europa solle den Islam nicht als etwas Fremdes, sondern als etwas Neues betrachten. „Wer seiner Sache sicher ist, braucht keine Angst haben. anderen zu begegnen". sagt Khorchide. Kulturen entständen im Austausch. „Es ist keine Kultur vom Himmel gefallen."

Wenn Muslime anfingen zu beten, bräuchten Christen doch keine Sorge zu haben, ihren Glauben zu verlieren, betont Khorchide. „Wenn wir verinnerlichen. dass wir denselben Gott haben, dann ist das im Interesse Gottes, dass wir verschiedene Wege zu ihm offenhalten." Daraus leitet er sowohl eine Gelassenheit bei der Frage nach Moscheebauten ab, als auch den Wunsch, in Schulen einen „Raum der Stille" einzurichten - für Christen, Muslime. Atheisten und andere gleichermaßen.

Quelle: "DER PATRIOT" vom 20.02.2014

Referent Prof. Khorchide

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